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SiLK - Sicherheitsleitfaden Kulturgut

6. Havarien / Unfälle

> Fragebogen Havarien / Unfälle

 

1. Mechanische Beschädigungen
Mechanische Beschädigungen von Kulturgut können durch Fallen, Stoßen und Reißen entstehen und betreffen vor allem mechanisch sensibles Kulturgut wie Gemälde, Grafik, Porzellan, kleine Kunstobjekte, Plastik, Ethnographica, alte Bücher und Archivalien. Verursacht werden die Schäden meist durch unsachgemäße Handhabung während des Umgangs mit dem Kulturgut (Transport, Montage) oder durch Fehlverhalten von Besuchern und Nutzern. Verpackung und Transport dürfen deshalb nur durch geeignetes Personal mit ausreichenden Fachkenntnissen erfolgen. Stolperstellen müssen auf museumsinternen Wegen vermieden werden. Selbstschließende Türen müssen automatisch oder durch zusätzliches Personal offen gehalten werden. Es sind rutschhemmende Handschuhe zu nutzen, um ein Rutschen des Kulturgutes aus den Händen (auch durch Handschweiß) auszuschließen.
Die Verpackung von Kulturgut sollte mit dämpfenden und dämmenden Materialien erfolgen. Für sensibles Kulturgut sind Spezialkisten zu verwenden. Der Transport sollte in erschütterungs- armen Fahrzeugen und auf gut ausgebauten Strecken erfolgen. Vorabstimmungen mit Zoll und Flughafen kann gegebenenfalls die Verweildauer reduzieren, die Bearbeitungszeit verkürzen und für hohe Sensibilität sorgen.

Eine Montage des Kulturgutes an der Wand (z.B. Gemälde, Grafik, Konsolen für Porzellan oder kleine Kunstobjekte) darf nur mit geeigneter Technik und unter Beachtung des Untergrundes erfolgen. Falls erforderlich ist ergänzend Klebetechnik und ein Dübelprüfgerät zur Kontrolle der Befestigung einzusetzen. Sicherheitshalber können lastunterstützende Haken oder Konsolen im unteren Bereich des Kunstwerkes zur Entlastung verwendet werden.

Vitrinen sollten von Spezialisten entworfen und gefertigt werden. Der Entwurf kann von Architekten erarbeitet werden, die über die erforderlichen statischen und konstruktiven Erfahrungen verfügen. Die Herstellung sollte durch Spezialfirmen erfolgen.
Insbesondere die Frage der Zugänglichkeit zum Kulturgut in der Vitrine muss sorgfältig abgestimmt werden. Türen müssen ohne Hilfsmittel offen stehen bleiben, ein „Umkippen“ durch das Gewicht der offenen Tür muss ausgeschlossen sein. Ein Öffnen der Vitrinen durch Heben einer Haube über dem Kulturgut ausschließlich mit Glassaugern muss vermieden werden; die Sauger können plötzlich versagen und zum Absturz der Glashaube auf das Kulturgut führen. Die Konstruktion der Vitrinen sollte unter Nutzung von sicheren Profilen erfolgen und auf statisch belastete Klebungen verzichten. Eventuelle technische Einrichtungen wie Klimatisierung, Beleuchtung und Sicherheit sollten in einem separaten Servicefach der Vitrine untergebracht werden.

   
Abbildung 1 und 2: Vitrinen im Grünen Gewölbe in Dresden
Die Vitrinen des Grünen Gewölbes in Dresden sind mit aktiver und passiver Klimatisierung ausgestattet. Ein separat zugängiges Servicefach sichert die Entkopplung von Wartungsarbeiten der Servicetechniker und des Zugangs zum Kunstgut. Die Konstruktionen der Türen und Beschläge sind nahezu unsichtbar und in hoher architektonischer Qualität ausgeführt.

Regale, Depotanlagen, Schieberahmen- und Schieberegalanlagen müssen durch fachlich geeignete Personen mit der erforderlichen Erfahrung und Sachkenntnis geplant und errichtet werden.

Räume und Gebäude für Kulturgut sollten regelmäßig von Sachverständigen wie Bauverwaltung, Architekten, Bauingenieuren, Feuerwehr oder Versicherern begangen werden. Der Bauunterhalt muss in hoher Qualität gesichert werden (besonderes Augenmerk gilt Fenstern, Türen, Dächern). Auch Veränderungen im Umfeld der Liegenschaft müssen beachtet werden (Erdrutsche, große Baumaßnahmen, Erschütterungen, Überschwemmungen). Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass während Ausstellungen das Kunst- und Kulturgut von Besuchern absichtlich oder unabsichtlich beschädigt wird. Bekannt sind Attacken mit Messern oder Säure auf Gemälde (vgl. Kapitel Vandalismus). Aber auch Stolpern oder Stürze von Besuchern können zu Schäden führen. Eine Prävention ist nur durch Verglasung der Exponate, Absperrungen, Vitrinen, elektronische Frühwarnsysteme und ausreichend Aufsichtspersonal möglich.


2. Wasserschäden
Kulturgut kann durch Wasser beschädigt werden, besonders gefährlich sind Wassereinbrüche aus darüber liegenden Geschossen. Leider ist es mitunter unvermeidbar, Etagen über dem Kulturgut für technische, wasserführende Einbauten (z.B. klimatechnische Anlagen) zu nutzen, in denen sich Heiz-, Kälte- und Trinkwasserleitungen befinden. Sofern eine Verlagerung der Anlagen aus räumlichen und funktionalen Gründen ausgeschlossen ist, kann das daraus entstehende Risiko von Wasserschäden in darunter liegenden Geschossen durch folgende Maßnahmen reduziert werden:
  • Installation von wasserdichten Fußbodendichtungen (Folie, Spezialanstrich)
  • Installation von Fußbodeneinläufen
  • Installation von Leckagemeldern und Aufschaltung auf Gebäudeleittechnik (GLT) oder Gefahrenmeldeanlage (GMA)
  • Installation von Rohr-in-Rohr-Systemen und Leckageüberwachung
  • Drucküberwachung der Anlagen, um schnellen Druckabfall sofort zu signalisieren
  • Installation von schnell schließenden Ventilen in den Anlagen und Ansteuerung durch Gebäudeleittechnik (GLT)
  • Reduzierung der Leitungslängen zwischen den Ventilen, um die eventuell austretende Wassermenge gering zu halten
  • Tägliche präventive Kontrolle der Anlagen auf Tropfstellen.
 
Wasserschäden können aber auch durch Installationen von Wassersystemen (Heizung, Trinkwasser) im Raum des Kulturgutes selbst entstehen. Wasser kann beispielsweise plötzlich mit hohem Druck aus einem Rohr spritzen. Maßnahmen zur Reduzierung dieser Risiken sind:
  • Vermeidung von Verbindungsstellen der Anlagen im Raum (Lötstellen, Schweißnähte, Pressungen).
  • Kulturgut sollte nicht direkt auf dem Boden stehen, sondern auf Paletten, Podesten oder in Regalen.
  • Leckagemelder auf dem Fußboden und Aufschaltung auf die Gebäudeleittechnik (GLT) oder Gefahrenmeldeanlage (GMA) (Vorsicht bei der Reinigung der Räume!).
  • Spritzschutz durch wasserabweisende Bleche, um ein direktes Treffen des Kulturgutes von einem Wasserstahl zu vermeiden.
  • Tägliche präventive Kontrolle der Anlagen auf Tropfstellen.

Für die Hilfe nach einem eventuellen Wasserschaden müssen Notfallpläne und Materialien für die Erstversorgung (Notfall-Kit) vorhanden sein. Die Notfallpläne sollten Handlungs- anweisungen zur Erstsicherung des Kulturgutes und zur Art und Weise der Verpackung beinhalten sowie Telefonnummern von Ansprechpartnern wie Kühlhäuser, Transportfirmen, Technisches Hilfswerk (THW), Fachkollegen und Notfallverbünden. Ein Evakuierungskonzept ist Grundlage für die Beräumung des Gebäudes, sei es durch eigene Mitarbeiter oder durch hilfeleistende Stellen. In den Notfall-Kits für Wasserschäden müssen Folienabroller, Handschuhe, Tücher, Schreibmaterial, eventuell Sicherheitsschuhe, Overalls, Elektroverteiler, Taschenlampen und Kissen zur Wasseraufnahme enthalten sein.


3. Schäden durch klimatische Veränderungen
Durch Komplett- oder Teilausfall einiger Komponenten klimatechnischer Anlagen kann eine Gefahr für das Kulturgut entstehen. Schnelle Wechsel von Luftzuständen sind ebenso auszuschließen wie ungeeignete Werte der Temperatur und der relativen Luftfeuchte. Genauere Informationen sind dazu im Kapitel Klima dargestellt. Die Versorgungssicherheit der Räume kann durch folgende Maßnahmen erhöht werden:
  • gute Instandhaltung der Anlagen
  • tägliche Kontrollen
  • Vorhaltung von mobiler Klimatechnik für Havariefälle
  • Überwachung der Anlagen mittels Gebäudeleittechnik (GLT) oder Gefahrenmeldeanlage (GMA).
Auch für die Versorgung des Kulturgutes nach einer eventuellen Havarie der Klimatechnik müssen Notfallpläne und Materialien für die Erstversorgung (Notfall-Kit wie bei Wasserschäden) vorhanden sein. Das Eindringen von Außenklima durch Fenster, Türen und Dächer muss durch Bauunterhaltsmaßnahmen und Begehungen ausgeschlossen werden (siehe unter Punkt 1 mechanische Beschädigung sowie Kapitel Klima).


4. Ausfall der Elektroversorgung
Der Ausfall der Elektroversorgung verursacht Ausfälle von technischen Anlagen wie
  • Heizungs- und Klimatechnik
  • Gefahrenmeldeanlage (durch Batterie-Pufferung meist verzögert)
  • Telekommunikationsanlagen
  • Beleuchtung.
Der Ausfall der Heizungs- und Klimatechnik wurde oben bereits erwähnt. Der Ausfall der Gefahrenmeldeanlage sowie der Ausfall der Telekommunikationsanlage führt zu einem großen Sicherheitsproblem, da keinerlei Auslösungen oder Störmeldungen der Gefahrenmeldeanlage und / oder Gebäudeleittechnik nach außen gehen. Der Ausfall der Beleuchtung führt zu eingeschränkten Arbeitsbedingungen. Vorkehrungen für den Ausfall der Elektroanlage:
  • regelmäßige Kontrolle und Wartung der Anlage
  • Revision der ortsfesten Anlage alle 4 Jahre
  • Revision der ortsveränderlichen Geräte alle 2 Jahre (entsprechend der Empfehlung der Berufsgenossenschaften).
Maßnahmen für Notfälle:
  • Vorhaltung von mobilen Netzersatzanlagen (Diesel-Aggregat) und Wartung dieser Anlage
  • Vorhaltung von Taschenlampen
  • bei sensiblen Liegenschaften: parallele Kommunikationswege zu hilfeleistenden Stellen über Mobilfunk
  • regelmäßige Prüfung der Batterien in Gefahrenmeldeanlagen
  • Notfallplan für den Ausfall der Elektroversorgung.


5. Unfälle mit Personenschäden
Unfälle mit Personenschäden gehören zu den schlimmsten Szenarien in Museen, Archiven und Bibliotheken. Innerhalb des SicherheitsLeitfadens SiLK sollen allerdings vorrangig die Gefährdungen des Kulturgutes bewertet und evaluiert werden. Die Belange des Personenschutzes sind durch den Gesetzgeber weitgehend geregelt. Folgende Rechtsgrundlagen sind für die Errichtung und den Betrieb von öffentlichen Gebäuden von Bedeutung:
  • Bauordnung des jeweiligen Bundeslandes
  • Versammlungsstättenverordnung
  • Musterverordnung zur elektrischen Verriegelung von Türen in Rettungswegen
  • DIN- und VDE-Regelungen zu Errichtung und Betrieb von technischen Anlagen
  • Baugenehmigung der jeweils unteren Bauaufsichtsbehörde
  • Brandschutzordnung, Feuerwehrpläne und Flucht- und Rettungswegpläne nach DIN 14095.

Regelungen für die Sicherheit von Beschäftigten der Kultureinrichtungen:
  • Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaften (Gemeindeunfallversicherungen bzw. Unfallkassen)
  • Regelungen der Gewerbeaufsicht
  • Arbeitsschutzgesetz
  • Arbeitsstättenverordnung.

Innerbetriebliche Maßnahmen für Kultureinrichtungen:
  • Ausstattung mit Erste-Hilfe-Material (Sanitätskästen)
  • Ausbildung und Schulung von Ersthelfern
  • Tätigkeit einer Fachkraft für Arbeitssicherheit
  • Gewährleistung einer arbeitsmedizinischen Betreuung
  • bei Bedarf Bereitstellung von Erste-Hilfe-Räumen
  • turnusmäßige Belehrungen der Mitarbeiter zu Unfallverhütungsvorschriften
  • Arbeit des Arbeitsschutzausschusses
  • Schutzkonzepte bei speziellen Großveranstaltungen (Notarztwagen vor Ort).
Folgende Themen werden in dem Modul „Unfälle und Havarien“ nicht betrachtet, da es hierfür eigene Kapitel gibt: Brand, Einbruch nach Ausfall der Gefahrenmeldeanlage GMA (Kapitel Diebstahl), Schädlinge, Schimmel (Kapitel Schädlinge), Hochwasser / Flut.

                                                                                                                                            Michael John
                                                                                                                                          Fotos: Michael John

 

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